Traditionspflege im Österreichischen Bundesheer

Ministerialrat  Mag.Dr.Matthias Hoy

Ministerialrat  Mag.Dr.Matthias Hoy
RefLtr Innere Ordnung und Militärhistorie im Kabinett des Herrn Bundesministers/Abteilung
Menschenorientierte Führung und Wehrpolitik.

Das Leben in einer soldatischen Gemeinschaft ist auf gegenseitige Hilfe und Verlässlichkeit aufgebaut. Dies alles begründet Wertvorstellungen, die dem Militär Tradition sein müssen, wie z.B. die zeitlos gültigen Pflichten und Tugenden des Soldaten.

Symbole und eingewurzelte Verhaltensweisen, militärisches Brauchtum und Zeremoniell sollen und müssen auch die aktuellen Probleme bewusst und verkraftbar machen. Damit werden militärische Traditionen und militärische Traditionspflege zu Motivationshilfen im Frieden genauso wie im Einsatz.

Die Bedeutung, die dem Anliegen einer allgemeinen und erneuten Traditionspflege im Rahmen der „Geistigen Landesverteidigung“ zukommt, ist schon vom verstorbenen Bundespräsidenten Dr. Adolf Schärf in einem Geleitwort des Österreichischen Soldatenbundes im Jahr 1960 sehr klar ausgedrückt worden:

„Während der siebenjährigen Zeit des Anschlusses an Deutschland und während der zehnjährigen Besetzung Österreichs durch die Truppen der vier alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges gab es kein österreichisches Bundesheer. Eine jahrhundertealte Tradition wurde unterbrochen. Nach dem Inkrafttreten des Staatsvertrages im Jahre 1955 musste man daher vieles ganz neu anfangen. Der Soldat soll wissen, wie sein Vaterland geworden ist, der Soldat soll sein Vaterland kennen und seine Geschichte verstehen – ist das der Fall, dann stellt sich die Liebe zu ihm ein, dann wird im Soldat das Bewusstsein stark, dass es sich lohnt, in unserem Vaterland zu leben und dafür auch, wenn es nottut, das größte Opfer zu bringen.“[1]

Es braucht nicht näher ausgeführt zu werden, dass Traditionen, deren Kontinuität einmal abgerissen sind, sich nicht wieder beliebig und willkürlich anknüpfen lassen.

Der französische Politiker Jean Jaurès[2] prägte den Ausspruch „Tradition heißt die Flamme hüten, nicht die Asche bewahren!“

Nicht aufbauend ist das traurige Faktum, dass in Österreich in den letzten Jahrzehnten viele traditionelle Werte teilweise völlig bewusst, teilweise fahrlässig demontiert wurden.

Tradition ist nämlich nicht, wie oftmals angenommen, eine Sache der Pietät, sondern des nüchternen Hausverstandes. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist es vollkommen gleichgültig, ob wir die noch vorhandenen Doppeladler vergolden und die Ringstraßenfassaden restaurieren, die Otto-Wagner-Pavillons frisch anstreichen oder eine gotische Kirche neu eindecken lassen. Wenn wir den Fassaden und leeren Formen keinen Inhalt zu geben vermögen, ist diese Art der Traditionspflege nichts anderes als der Verputz von ausgebrannten Ruinen, Denkmalpflege ohne Zukunft.

Der Inhalt aber, den wir vom Heute her beisteuern müssten, wäre genau das, was uns durch Jahrhunderte zu dem geformt hat, was wir heute sind, oder besser anders ausgedrückt, sein könnten: nämlich eine Kulturnation.

Eine gewachsene und ungebrochene Tradition ist auch kein Werkzeug einer sentimentalen Nostalgie, sondern sie ist ein wesentliches Mittel der Selbsterkenntnis, „sie führt zu einem ständigenSich-bewusst-Werden‘ oder besser gesagt ‚Bewusst-Bleiben‘ dessen, was man ist; Tradition ist, so besehen – man verzeihe das kühne Wort – eine Staatsnotwendigkeit.“[3]

Um dem gerecht zu werden, muss man allerdings von den alten, erwähnten Vorstellungen über Tradition wesentlich abrücken. Eine Tradition, wie wir sie brauchen, muss zunächst einmal allgemein sein, das heißt auf einem umfassenden Geschichtsbewusstsein beruhen, das nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Seiten unserer Geschichte zur Kenntnis nimmt.

Nicht emotional, sondern vor allem rational muss sie begriffen werden. Und schließlich muss daher der Blick nicht nach hinten, sondern stets nach vorn gerichtet bleiben, denn Tradition ist kein Rückspiegel für eine selbstgefällige Nabelschau, sondern sie ist jene stabile Plattform, die es uns überhaupt erst ermöglicht, festen Mutes und mit einiger Sicherheit den Fuß auf jenes dünne Seil zu setzen, dass unsere Zukunft darstellt.

In Österreich lagen und liegen der Traditionspflege seit jeher wehrpolitische Überlegungen zugrunde: am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Traditionspflege aufgenommen, um mit ihrer Hilfe die Einheit der multinationalen Armee zu festigen. In der Ersten Republik hoffte man mit ihr im Heer den Schock des Jahres 1918 zu überwinden und die nachfolgende Staatsverdrossenheit zumindest innerhalb des Bundesheeres zu paralysieren. Nach dem Staatsvertrag von 1955 sollte die Wiederanknüpfung an das Alte, an die Tradition, helfen, das Vakuum der „Stunde Null“ im Bereich der neuen Armee auszufüllen.

Dieser Versuch eines Rückgriffes auf die Zeit vor 1938 war übrigens in Österreich damals keineswegs auf den militärischen Bereich beschränkt. Er lässt sich für diese Periode auf dem Gebiet der Außenpolitik wie auf dem der Kunst und der Literatur genauso nachweisen.[4]

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Traditionspflege im Österreichischen Bundesheer neu positioniert hat.

Bis vor kurzem hat sich die Traditionspflege im Bundesheer in erster Linie nur an der Militär- und Truppengeschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie orientiert. Dann folgte das Bundesheer der Ersten Republik und erst an dritter Stelle gedachte man unseres Bundesheeres und dessen „Vorgängereinrichtung“, der B-Gendarmerie.

Mit Erlass vom 29. April 2010, GZ S93583/17-EFü/2010, VBl Nr. 97/2010 kam es zu einer Neufassung der „Anordnungen für die Traditionspflege im Bundesheer“. Deutlicher als in den früheren Erlässen wird darin klar Stellung bezogen, welche – der Reihenfolge nach – die traditionsbildenden Elemente im Bundesheer sind:

  • das Bundesheer der Zweiten Republik (einschließlich der B-Gendarmerie) mit seinen nationalen und internationalen Einsätzen,
  • die Streitkräfte der Ersten Republik,
  • die k. (u.) k. Armee,
  • die Garnison, die Waffengattung und das Bundesland.

Das Dritte Reich als ein Unrechtsregime und die Deutsche Wehrmacht als dessen missbrauchtes Instrument können Tradition im Bundesheer nicht begründen, da sich der Dienst in den österreichischen Streitkräften der Zweiten Republik an den Grundprinzipien der österreichischen Verfassung und des Völkerrechtes orientiert.

Wohl können aber vorbildhafte und im Einzelfall zu prüfende Verhaltensweisen von Österreichern in der Deutschen Wehrmacht und von Frauen und Männern des pro-österreichischen Widerstandes ein Element der Traditionspflege sein.

In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass das Österreichische Bundesheer in den letzten Jahren aktiv und auch medienwirksam die militärische Geschichte des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet hat und weiter aufarbeitet.

Es darf daran erinnert werden, dass z.B. 2004 ein Denkmal für Obstlt Bernardis in der HUAK – in Anwesenheit höchster Repräsentanten der Republik – errichtet wurde, 2005 der Innenhof im BMLV nach Mjr Carl Szokoll benannt wurde, zahlreiche Gedenktafeln angebracht wurden, ich denke da z.B. an BM Graf, dem ersten BM der Zweiten Republik, FMLt Jansa, FMLt Friedländer, Lehr- bzw. Hörsäle nach Persönlichkeiten benannt wurden, wie z.B. 2012 der Lehrsaal an der HUAK nach Feldwebel Schmid oder erst im letzten Herbst in Straß beim JgB17 nach Obstlt Ritter von Gadolla, dem Retter der Stadt Gotha. Im Mai 2012 wurde mit der Neugestaltung des Heldendenkmales begonnen und der 8. Mai 2013 wurde erstmalig als ein Fest der Freude begangen und eine Ehrenwache vor der Krypta und dem Weiheraum aufgestellt.

Unbestrittener Schwerpunkt stellt für das ÖBH somit die Entscheidung dar, die eigene Tradition, die sich in 60 Jahren des Bestehens des Bundesheeres bereits deutlich ausgebildet hat, zusammen mit jener der B-Gendarmerie, an die Spitze der Traditionspflege zu stellen, um sich damit auch innerhalb der Truppe klar und eindeutig zu den österreichischen Streitkräften der Zweiten Republik zu bekennen.

Ob wir in Österreich überhaupt ohne Tradition und Traditionspflege auskommen können, ist eine diffizile Frage. Es ist aber in diesem Konnex sicherlich bezeichnend, dass in der alten k. u. k. Armee wie im Bundesheer der Ersten Republik der Gedanke der allgemeinen Traditionspflege erst dann aufkam, als die Existenz des Staates auch im Inneren selbst nicht mehr unbestritten war, so vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an, als der Staats- und Reichsgedanke zunehmend an Kraft verlor und so vom Beginn der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts an, als die Erste Republik ihrer großen Krise entgegenging.

Heute ist es nicht die Existenz des Staates, die in Frage gestellt wird. Die Eigenstaatlichkeit Österreichs ist unbestritten.

Es ist aber von größter Wichtigkeit, dass das Selbstbewusstsein, das Selbstverständnis unseres Landes gerade jetzt eine Festigung erfährt. Dies ist aber nur bei Berücksichtigung jenes Bereiches der Geschichte denkbar, der Sinnstiftung bietet. Ohne Nutzung der lebendigen Überlieferung ist keine Lösung der Zukunftsprobleme möglich.

Nur wer keine Geschichte hat, kann es sich leisten, traditionslos zu planen.

Österreich gehört nicht dazu.

Und was für das ganze Land gilt, das gilt selbstverständlich auch für seine Streitkräfte, die ja als gesamtstaatliche Institution ähnlichen Gesetzen unterworfen sind.

Am Beginn des neuen Jahrtausends, da viele Zeitgenossen der Verehrung von historischen Persönlichkeiten nicht viel abgewinnen können, erscheint es daher nur naheliegend, bleibende geistige Inhalte und Werte zum Gegenstand der Sinngebung zu machen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

MinR Dr.Matthias Hoy

[1]      Vgl. Josef C. Bistricky, Traditionspflege im österreichischen Bundesheer. In: Truppendienst 4/1968, S.335.

[2]     Jean Jaurès, 1859 – 1914; französischer Sozialistenführer; bekannt vor allem durch philosophische Studien über die Ursprünge des Sozialismus; 1914 Opfer des Attentats eines französischen Nationalisten. Vgl. Hans Herzfeld (Hg.), Geschichte in Gestalten 2, Fischer Lexikon Band 38, Frankfurt am Main 1963.

[3]     Vgl. Johann Christoph Allmayer-Beck, Tradition darf kein Rückspiegel sein. In: Die Presse, 21./22. Jänner 1978, S. 5.

[4]     Vgl. dazu ausführlich Johann Christoph Allmayer-Beck, Ein Heer zwischen Geschichte und politischer Bildung. In: Truppendienst 6/1979, S. 511 f.